Berufswünsche gibt es viele, dieser ist poetisch: "Könnt ich werden, was ich will / Ich wär das Wetter im April", singt Danny Dziuk, und auch seine Begründung ist maßgeschneidert: Der Sänger möchte sich "jenseits von Vorhersehbarkeit" bewegen, also tatsächlich frei. Was für ein erfreulicher Vorsatz in einem Kulturbetrieb, dessen Mitglieder für gewöhnlich davon träumen, sich mit medialem Rückenwind einer Kundschaft aufzudrängen, die ihnen ein gediegenes Auskommen und ein allzeit blank poliertes Ego beschert.
Dass Danny Dziuk eine Kategorie für sich ist, liegt auch in seinem Werdegang begründet. 1956 in Duisburg geboren, schmiss er nach dem Abitur das Konservatorium und machte sich auf den Weg durch Europa. Er war nicht allein: Wissensdurst, Talent und Musik begleiteten ihn. Er konnte singen, Klavier und Gitarre spielen und schlug sich als Straßenmusiker durch, aber auch als Erntehelfer, Straßenbauer und Hafenarbeiter. Karriereorientiertheit geht anders; die existentielle Grunderfahrung eines ebenso freien wie harten Lebens kann aber Seelen retten und Menschen daran hindern, als rasend um sich schnappende Kleinbürger zu enden. In seinem Lied "Weichen" singt Danny Dziuk: "Oh sichre Mauer, hinter der / Der Feigling sich versteckt / Wie oft war's nicht dieselbe, die / Am Ende ihn erschlägt."
Wer Wahrheit sucht, muss dafür Lebenszeit ausgeben. In billigerer Währung ist sie nicht zu haben, und eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Danny Dziuk wurde fündig, bei Jack Kerouac, bei Bob Dylan, bei Henry Miller und Krishnamurti, den Dziuk noch heute in seinen Web-Tagebuch zitiert: "Ich bitte Sie nicht darum, mir zu glauben... ich wünsche mir nichts von Ihnen, weder Ihre geneigte Meinung, Ihr Einverständnis, noch, dass Sie mir folgen. Ich bitte Sie nicht, zu glauben, sondern zu verstehen, was ich sage." Was erstens die Grundvoraussetzung für einen Dialog ist, der diese Bezeichnung verdient, zweitens also das aufgepumpte Diskurs- und Debattengejabbel zum sofortigen Verstummen bringen müsste, vorausgesetzt, irgendeiner der Beteiligten hörte überhaupt zu und drittens beweist, dass jemand, der außergewöhnlich gute Lieder schreibt, sich eben auch auf nichtmusikalische Einflüsse stützen kann.
Musikalische Quellen sind allerdings nicht minder wichtig für Danny Dziuk; seit früher Jugend zählt er Bob Dylan und Johann Sebastian Bach zu seinen Hausgöttern. Über Bach schrieb er: "Bach zeigt auf eine nie wieder dagewesene Art die Schönheit von Mathematik, er hat das ausgeschöpft. Und gleichzeitig ist er religiös: als würde der Widerspruch zwischen Glaube und Wissenschaft nicht existieren. Es ist dieses Paradoxon, dass er einerseits wie kein anderer nach ihm die Prinzipien von Tonalität an ihre absoluten Grenzen treibt, auslotet und mit absoluter Strenge zuende denkt. Andererseits jedoch scheint sich gerade die überirdisch ekstatische Schönheit mancher Melodien von Bach folgerichtig aus der Strenge seiner Methode abzuleiten, als würde er sagen: Je gewissenhafter ihr forscht, um so mehr wird sich am Ende herausstellen, wie wunderbar dieses Universum konstruiert ist. Danken wir also dem Konstrukteur. Es hat etwas Einsteinhaftes à la >Gott würfelt nicht<."
Es geht also ums Große, Ganze bei Danny Dziuk - und um die Kunst, es in der kleinen Form des Liedes zu verabreichen und so dem immer riskanten Versuch der Welterkenntnis eine von vornherein erschlagende Wucht zu nehmen. "All die Leben, die man bräucht / zu tun was nur man selbst vielleicht / hinkriegen könnte, fordern Zeit / Sowas braucht Zeit, sowas braucht Zeit", heißt es in einem von Dziuks Liedern. Es braucht Zeit, um Geist von Zeitgeist zu scheiden und die Substanz freizulegen; diese Zeit hat sich er sich für seine Lieder bisher immer gelassen. Zwischen zwei und vier Jahren arbeitet Danny Dziuk an einer CD; nachdem er ein Konzert von Tom Waits besucht hatte, das er als "Lektion" empfand, löschte er noch in derselben Nacht sieben Aufnahmen, in denen monatelange Arbeit steckte, die er aber als Irrtum einstufte. So gefährlich kann ein Konzertbesuch sein: Isst du vom Baume der Erkenntnis, / zahlst du dafür mit Selbstbefremdnis.
Am 27. November wird Danny Dziuk auf dem Dresdner Theaterkahn mit dem Liederpreis 2009 ausgezeichnet - explizit für ein Lied von einer alttestamentarisch-poetischen Sprachwucht, die an Bob Dylans "Masters of War" erinnert. Es heißt beinahe harmlos "Ein Regenlied" und kündet doch von der Sintflut: "Regne, Regen, dich in Rage / Feg die Shopping-Meilen leer / Und die Geiz- und Sau-Bagage / Bis ins tiefe blaue Meer // Regne auf die Lavakrusten / alter Vätersünden dort / Wo sie nie bezahlen mussten / Schwemm sie auf, nimm sie fort". Dieser biblisch klingende Wunschtraum ist, wie man täglich erfährt, bisher nicht in Erfüllung gegangen. Danny Dziuks "Regenlied" gibt ihm neue Nahrung und hält ihn wach.